An Inspektor gibt’s koan
Die erfolgreichste aller österreichischen Krimiserien (ja, erfolgreicher als Kommisar Rex) ist wieder da: Seit einigen Monaten gibt es alle Folgen von “Kottan ermittelt” nun in zwei DVD-Boxen zum Erwerb. “Kottan? Wer ist Kottan?”, werden sich jetzt einige fragen. Also zur Erinnerung nochmal die wesentlichen Fakten:
Kottan ist Major bei der österreichischen Polizei und Produkt der Phantasie von Peter Patzak und Helmut Zanker – der Anfang der achtziger in 19 Folgen und im Auftrag von ORF und ZDF beim Morddezernat der Wiener Polizei die Fälle gelöst hat. Eine normale Krimiserie also? Weit gefehlt!
Kottan selbst ist der lässigste Kommisar Wiens und nebenberuflich Schlagersänger in einer Combo, die aus ihm und seinen zwei engsten Kollegen – dem einbeinigen Dezernatsleiter Schremser und dem leicht unterbelichteten Fan amerikanischer Kriminalromane (“Mike Hammer”) Schrammel – besteht.
Zusätzlich wird ab Folge acht das Kriminalteam abgerundet durch den Polizeipräsidenten Pilch, der die Grenze des Wahnsinns bereits überschritten hat und über die Folgen hinweg einen gleichsam verbitterten wie erfolglosen Kampf gegen den Kaffeautomaten führt.
Privat wohnt Kottan (manchmal auch nicht) zusammen mit seiner Mutter und seiner Frau in einer Wohnung. Zu melden hat er hier nichts: Während sich seine Mutter als “Miss Marple”-Verschnitt mit Freude in seine Kriminalfälle einmischt, macht ihm seine Frau (zwar auf liebenswerte Weise) privat das Leben schwer. Im argumentativen Gleich-/Stechschritt dominieren diese beiden Xanthippen den armen Kriminalen fast vollständig. Ein offenes Ohr hat dafür die Prostituierte Elvira (wohnhaft im “weißen Lamm”), die erst in einen der Fälle verwickelt war und fortan die Serie bereichert.
Der Konsum der Folgen erzeugt eine Art “Simpsonseffekt”: Charaktere wie der Obdachlose, der grundsätzlich die Leichen findet (und bereits per Funkgerät quasi eine Standleitung zum Majoren hat), die Nachrichtensprecherin (die auch im wirklichen Leben Nachrichtensprecherin ist), die sich mit Kottan aus dem Fernsehen heraus unterhält, der Polizeimeister, der sich keine Namen merken kann aber immer als erster am Tatort ist oder ein in weiß gekleideter Mann namens “Harald Lime jr.”, der Orgel in der Kanalisation spielt prägen die Serie im Gesamtverlauf und entfalten ihre Stärke erst so richtig, wenn man ihr Wirken über mehrere Folgen hinweg verfolgt.
Zusätzlich nehmen Autor und Regisseur es sich immer wieder heraus, die ernsten Kriminalfälle mit allerlei Schabernak aufzulockern. So erscheint in der Folge “Kansas City” die Einblendung, dass in Duisburg (→ Verweis auf den damals populären Schimanski-Tatort) fliegende Untertassen gelandet seien – mit dem Hinweis auf “weitere Informationen im Anschluss an dieses Sendung”.
Sehr unterhaltsam ist außerdem die Ironie zum eigenen Schaffen: Immer wieder fallen die Schauspieler aus ihren Rollen, verunglimpfen Regisseur und Autor oder beschweren sich über die Qualität alter Folgen, die in der Serie im Fernsehen gezeigt werden (einmal sogar mit Telefonbeschwerde beim Sender).

Kommen wir zur eigentlichen Bewertung: Man stellt fest, dass die Macher in den Anfängen der Serie noch viel ausprobierten und ihre Linie noch nicht ganz gefunden hatten. So wurde innerhalb der ersten acht Fälle die Hauptrolle auch zweimal neu besetzt (was wohl offiziell andere Gründe hatte).
Mit dem Einstieg Lukas Resetarits´gewinnen die Folgen dann an Fahrt. Kritiker monieren zwar, dass mit der zunehmenden Anzahl an Folgen die eigentliche Handlung in den Hintergrund und die anarchistischen Züge in den Vordergrund rücken, aber letztlich unterscheidet dies ja das Format von dem ganzen Krimirest.
Mein Tipp daher: Lasst die erste DVD-Box gleich ganz aus und steigt mit der zweiten ein. Freunde des subtilen Slapsticks (Paradoxon!) und markiger Sprüche kommen hier ganz auf ihre Kosten. Und nicht zu vergessen: Bei allem Humor kann sich auch der kriminalistische Plot durchaus sehen lassen. Die Charaktere sind großartig, die Handlung ist immer wieder überraschend und der Suchtfaktor entsteht bereits nach wenigen Folgen.
P.s.: Legenden zufolge gibt es wohl noch sechs unveröffentlichte Folgen, die in den Archiven der Macher lagern. Eigentlich wäre das doch was für die ja nicht ganz billigen DVD-Boxen gewesen…