Die Bahn spricht

Nein, Fortschritt ist nicht immer gut. So finde ich es bspw. schade, dass die Bahn und die Nahverkehrsbetriebe dazu übergegangen sind, die Ansagen in Zügen und auf Bahnhöfen deutschlandweit weitgehend zu vereinheitlichen. Egal ob in Frankfurt, Mannheim, Hannover oder Berlin: Jedes Mal begrüßt mich die gleiche Stimme im gleichen stakkatohaften Ton. Und egal ob in München, Hamburg oder Darmstadt: Jedes Mal bittet mich dieselbe Dame um Verständnis für die angesagten Verspätungen.

Das hat aus meiner Sicht wenig Vor- und viele Nachteile: Zum einen nimmt es meines Erachtens dem Massenverkehr das letzte Stück Individualität. Wie schön war es doch noch, als in Darmstadt Züge in breitestem Hessisch angesagt wurden, “ch” und Endungen weitgehend ignoriert oder (aufgrund fehlender Übung) übermäßig betont wurden - ich wusste sofort, wo ich war. Oder wenn ich in Mannheim beim Aussteigen mit dem typischen Singsang, der sog. “mannheimer Quart” begrüßt wurde. Oder in München der Ansager mich irgendwie an Meister Eder erinnert hat - da ist selbst eine halbe Stunde Verspätung kein Problem mehr.

Und Verspätungen sind ein gutes Thema: Wie soll ich bspw. Verständnis für Verspätungen aufbringen, wenn mich ein Computer darum bittet? Für Maschinen habe zumindest ich eher wenig Verständnis. Noch schlimmer ist´s, wenn mich der Computer dann auch noch um Entschuldigung bittet (”nee, klar, kein Thema. Nach dem nächsten Reboot sind wir wieder Freunde”). Wie bizarr würde das allein auf unsere Urgroßeltern wirken…?

Und gerade negative Ansagen werden nur noch schlimmer, vor allem dann, wenn auf drei nebeneinander liegenden Gleisen, der Computer gegen sich selbst anbrüllt: Gleichzeitige, meist zu laute Durchsagen, Entschuldigungsbitten, Verspätungsdurchsagen und sonstige akkustische Umweltverschmutzung machen zumindest mich regelmäßig aggressiv. Kommen dann noch die “wegen-Störungen-im-Betriebsablauf” - 0815 - Erklärungen dazu, gibt´s kein Halten. Kein Wunder, dass man kaum noch Personal auf den Bahnsteigen antrifft - wahrscheinlich kam es regelmäßig zu Fällen von Lynchjustiz (paradox, ich weiß!).

Sicher, mit den Ansagen spart man bestimmt gaaaanz viele Kosten ein und es ist ja jetzt auch nicht so, dass überall wo man hinhörte nur gut gelaunte Bahnbeschäftigte die Ansagen fehlerfrei und wohl artikuliert verlasen. Aber wenn ich schon ständig (und trotz der Einsparungen) höhere Ticketpreise in Kauf nehme, habe ich wie ich finde ein Recht darauf, dass ich über das Abweichen der gekauften Leistung von der ursprünglichen Beschreibung (=Verspätung) zumindest von einem Menschen aus Fleisch und Blut informiert werde.

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