Zweiklassenmedizin

Sorry, aber ich glaube, ich brauch mal eben meine fünf Minuten:

Jedes mal auf´s Neue rege ich mich darüber auf, wenn offensichtlich Privatpatienten Kassenpatienten vorgezogen werden. Da kann der Arzt noch so gut sein, da geht mir einfach das Messer in der Tasche auf. Klar, die Privaten finanzieren die Kassenpatienten mit. Klar, die Artzhonorare sind nicht mehr die von 1988.

Trotzdem sei hier mal an den hippokratischen Eid erinnert: Denken Ärzte heutzutage eigentlich noch an das Wohl des Menschen? Oder nur noch an die finanzielle Optimierung? Und ist meine Zeit als Kassenpatient eigentlich weniger wert als die eines Privatversicherten?

Außerdem gibt´s ja durchaus Kompromisse: Getrennte Privatsprechstunden, z.B. Oder andere Möglichkeiten, um an Geld zu kommen: Wie bspw. Werbung im Wartezimmer – das tut niemandem weh. Aber es ist einfach nicht einzusehen, warum Sozialschmarotzer, die aus dem Solidarsystem ausgetreten sind und damit der Gemeinschaft gekündigt haben dafür auch noch belohnt werden. Ich jedenfalls zahle meine > 400 Euro in die Gemeinschaftskasse.

Und wo ist eigentlich die sog. “große Gesundheitsreform”? Funktioniert in diesem Land alles nur noch über Lobbyismus?

Ich muss aufhören, sonst sitze ich morgen wegen der ganzen Aufregung noch beim Kardiologen. Und wahrscheinlich wieder ewig lange im Wartezimmer…

10 Responses to “Zweiklassenmedizin” »»

  1. Comment by Arne | 01/25/08 at 8:23 am

    Und ist meine Zeit als Kassenpatient eigentlich weniger wert als die eines Privatversicherten?

    Klar ist sie das. Wäre Deine Zeit viel wert, wärst Du privatversichert.

    Aber es ist einfach nicht einzusehen, warum Sozialschmarotzer, die aus dem Solidarsystem ausgetreten sind und damit der Gemeinschaft gekündigt haben dafür auch noch belohnt werden.

    Das kannst Du aber den Privatversicherten nur bedingt zum Vorwurf machen. Hier ist doch die Politik gefordert. Es ist schließlich der Umstand, dass man als Gutverdiener überhaupt aus der gestzlichen Versicheurngsgemeinschaft austreten kann, der aus der gesetzlichen Krankenversicherung eine Solidargemeinschaft der Armen und Mittelverdiener macht. Wenn man sich das mal vorstellt… total absurd ist das! Deshalb wäre es im Sinne des Solidarprinzips viel vernünftiger, die gesetzliche KV über Steuern zu finanzieren.

  2. Enk
    Comment by Enk | 01/25/08 at 2:22 pm

    > Klar, die Privaten finanzieren die Kassenpatienten mit

    Das ist ein oft erzähltes Märchen, das das dadurch auch nicht wahrer wird. Tatsache ist, dass die Privatkassen eine medizinische Infrastruktur nutzen (flächendeckende Ärzteversorgung, Spezialisten, Fachkliniken), die sie selbst für ihre Privatkunden nicht im Ansatz aufrechterhalten könnten, wenn sie nicht zu 90% von den gesetzlichen Kassen bzw. aus Steuergeldern finanziert werden würde. Auch der Chefarzt, der nur noch privat abrechnen will, hat seine Aus- und Weiterbildung in der Regel über von Steuern und gesetzlichen Kassen finanzierte Strukturen (Uni, Krankenhäuser, etc.) gemacht.

    Etwas ausführlicher dazu: Karl Lauterbach – Der Zweiklassenstaat. Sehr lesenswert, auch wenn der Typ im Fernsehen immer ziemlich nervt.

  3. Comment by joachim | 01/26/08 at 9:41 am

    @Arne

    Es ist schließlich der Umstand, dass man als Gutverdiener überhaupt aus der gestzlichen Versicheurngsgemeinschaft austreten kann, der aus der gesetzlichen Krankenversicherung eine Solidargemeinschaft der Armen und Mittelverdiener macht.

    Ja und Nein: Schließlich ist es dem Gewissen eines einzelnen überlassen, ob er die Möglichkeit nutzt oder nicht.

    Die einen entschließen sich dazu, 5 Mrd. zu verbrennen, weil sich Ihnen die Gelegenheit bietet, die anderen tun es nicht… Insofern trifft also jeder seine eigene Entscheidung und insofern bleibe ich bei meinem Vorwurf!

    @Enk
    Mein Hinweis bezog sich eher auf das Gejammer der Praxisärzte, denn auf die gesamte Infrastruktur. Trotzdem hast du Recht: DIe Ausbildung hat immer noch der Staat (und damit der Steuerzahler) finanziert! Insofern ist es auch völlig unangebracht, dieses Argument (welches ja auch nicht meines ist) anzubringen.

  4. Comment by Arne | 01/28/08 at 12:10 pm

    @Joachim: Jetzt wird es aber schon sehr moralisch-philosophisch. Nach Deiner Argumentation bräuchte man doch überhaupt keine staatlichen Regeln, die Gewissen der Einzelnen werden’s schon richten. Das das so nicht ganz klappt ist hinreichend bekannt. Insofern kannst du ruhig bei Deiner Kritik bleiben, die ist aber eher grundsätzlicher Art als denn konkret-konstruktiv.

  5. Comment by Joachim | 01/28/08 at 12:53 pm

    Wollte mich ja lediglich dafür rechtfertigen, warum ich das Wort “Sozialschmarotzer” gebraucht habe. Schließlich kann ich als anständiger Mensch trotz der Möglichkeit, die sich mir bietet, das Richtige tun. Dass moralisch anständiges Verhalten grundsätzlich einen korrekten Rechtsrahmen ersetzen kann, war damit selbstredend nicht gemeint. So gesehen: Ein netter polemischer Versuch Mr. A. :-)

  6. Comment by Arne | 01/29/08 at 10:13 am

    Schließlich kann ich als anständiger Mensch trotz der Möglichkeit, die sich mir bietet, das Richtige tun.

    Das ist wohl wahr, und ich hoffe, dass Du das auch immer so machst. :-)
    Ich denke aber auch, dass viele der von Dir als “Sozialschmarotzern” bezeichneten nicht wie Du denken, dass sie mit dem Austritt aus der gesetzlichen Versicherung etwas moralisch Falsches tun.

  7. Comment by Chris | 01/29/08 at 10:48 am

    @Arne:

    Ich denke aber auch, dass viele der von Dir als “Sozialschmarotzern” bezeichneten nicht wie Du denken, dass sie mit dem Austritt aus der gesetzlichen Versicherung etwas moralisch Falsches tun.

    Das denke ich auch; und in gewisser Weise kann ich auch nachvollziehen warum der “Sozialschmarotzer” kein schlechtes Gewissen hat, denn warum soll ein Individuum die Fehler des Gesetzgebers korrigieren?

  8. Comment by joachim | 01/29/08 at 11:41 pm

    Die Diskussion wird langsam interessant:

    Ich versuch´s mal mit ´ner Analogie: Es gibt diverse Steuerschlupflöcher, die es ermöglichen auf Kosten der Allgemeinheit Steuern zu hinterziehen. Bspw. kann ich einen “virtuellen” Erstwohnsitz hinterlegen (ich bspw. bei meinen Eltern, die bekanntermaßen ein wenig weiter weg wohnen) und munter Fahrtkosten absetzen. Würde mir locker 1.500 EUR im Jahr sparen.

    Eine Lücke, die der Gesetzgeber schließen müsste! Ein Freifahrtschein für alle, die skrupellos genug sind?

    Oder wie sieht´s mit den Firmenchefs aus, die unter Rekordgewinnen 10.000 Menschen entlassen. Rechtlich einwandfrei, aber auch moralisch in Ordnung?

    Wir sind uns doch einig: Es gibt zwei Ebenen: Eine gesetzliche und eine moralische. Ist derjenige ein guter Mensch, der immer genau so viel tut, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten oder derjenige, der verantwortungsbewußt auf das große Ganze schaut und die Gemeinschaft im Blick behält.

    Zumindest mein “richtig” oder “falsch” definiert sich nicht ausschließlich über die Gesetze, die irgendjemand mal irgendwann erlassen hat. Und ehrlich gesagt erwarte ich das insbesondere von denjenigen, die aufgrund irgendwelcher Umstände so priveligiert sind, dass sie überhaupt in die Situation kommen über eine private Krankenversicherung nachzudenken.

  9. Comment by Chris | 01/30/08 at 11:17 am

    Ich glaube, der Vergleich geht zu weit. Ein Steuerschlupfloch lässt sich nicht mit einem vollständig kaputten System vergleichen. Abgesehen davon ist der Staat natürlich verpflichtet, keine Steuerschlupflöcher offen zu lassen.

    Die Firmenchefs passen nicht ganz rein, denn da hat der Staat (sehe ich als liberaler Mensch [liberal != Freiheitlich Liberal] so) nicht viel zu sagen.

    Und wenn es den einzelnen nur mehr Geld kosten würde, in der gesetzlichen Kasse zu bleiben, sähe ich ebenden eher in der moralischen Pflicht. Aber er bekommt dann ja als Kassenpatient auch eine deutlich schlechtere Behandlung.

    Meiner Meinung nach wäre der Staat moralisch in der Pflicht, eine obligatorische Einheitskasse zu schaffen, die die Grundversorgung gewährleistet. Alles andere kann der einzelne zusatzversichern.

    Und ich weiss, dass es dumm ist auf irgendwas vom Staat zu hoffen (ausser Videos und Telefonlisten).

  10. Comment by Arne | 02/05/08 at 9:27 pm

    Managergehälter: Gebe Chris recht, der Vergleich passt nicht wirklich zur Thematik.

    Steuerschlupflöcher: Bei der Steuererklärung erscheint mir der Übergang vom “einwandfreien Absetzen von Sonderausgaben” zum “eindeutigen Steuerbetrug” leider fließend.

    Es gibt diverse Steuerschlupflöcher, die es ermöglichen auf Kosten der Allgemeinheit Steuern zu hinterziehen.

    Nehmen wir mal den Fall, wo man statt “hinterziehen” noch “sparen” schreiben kann: Das Problem ist dabei, dass derjenige, der das Schlupfloch zum Steuersparen nicht nutzt, im Zweifelsfall der einzige Dappes weit und breit bist, der nicht absetzt was geht und deshalb als einziger den “zu hohen” regulären Steuersatz zahlt.

    Gesetzliche KV: Gebe Chris auch hier recht, es ist dabei ja auch eine Frage der Leistungen, die der Einzelne erhält. Von dem Einzelnen zu erwarten, dass er sich bei ggf. gleichzeitig auch noch höheren Beiträgen freiwillig in die zweite Klasse der Gesundheitsversorgung setzt, um zu versuchen, dem systematischen Fehler der gesetzlichen Krankenversicherung entgegenzuwirken, ist ein ganz schön hoher Anspruch.

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