Endstation Deutsche Bahn

Ich fahre gerne Zug - meistens. Immer was los, zumindest, naja: meistens. Zum Beispiel in folgenden beobachteten und nun erstmals wiedergegebenen Szenen vom Rande der Gesellschaft (…und darüber hinaus).

Tastenterror
Es ist morgens, 8 Uhr. Ich sitze im Zug gen Hamburg - hin, kurzer Termin, zurück. Wie gesagt: Es ist acht Uhr. Eine Zeit, zu der man gewöhnlich noch an Ruhe interessiert ist. Neben mir eine Frau mittleren Alters. Mit Handy in der Hand. Keine fünf Minuten gesessen, beginnt sie eine SMS zu tippen. Woran ich das merke? Tastentöne - jene Erfindung, für die mal jemand Nokiasamsungmotorolasony verklagen sollte. Jede Zahl ein eigener Ton. Die Frau tippt viel. Entweder viel zu korrigieren oder viele Freunde. Weiß der Geier (oder weiß er nicht). Bei Kassel frage ich sie, ob sie eigentlich eine Kurznachricht schreibt oder einen neuen Nummer 1-Hit komponiert. Kurz vor Hannover kann ich anhand der Töne bestimmen, was sie wem schreibt. Und kurz vor Hamburg kann ich mit meinem Handy zweistimmig und perfekt intoniert satanische Botschaften dazu abspielen.

Erotik im Zug
Wie immer habe ich mir einen Gangplatz reserviert. Kann man besser die Füße ausstrecken. Über den Gang (quasi durch den Gang getrennt von mir) sitzen zwei ältere Herren, so zwischen 65 und 70. Der am Fenster erschrickt plötzlich. Der am Gang, peinlich berührt: “Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nur die Lehne verstellen, wogehtdasdennnochmal?”. Der am Fenster: “Neee, war ja ganz schön. Aber ich war nicht darauf vorbereitet”.

Kontrolle
“Schuldigung, ihre Fahrscheine bitte”. Wo war er gleich noch. Die Tasche auf den Kopf gestellt, nervös das Jacket durchsucht. Nicht da. “Ihren Ausweis bräuchte ich dann bitte”. Ach halt, da ist er ja.”Das ist nur die Reservierung”. Wie, das ist nur die Reservierung? Ich habe doch vorhin am Bahnautomaten wie immer mein Bahntix abgeholt. Das sind doch zwei Belege.”Der zweite ist auch ´ne Reservierung, nach München”. Aber ich muss doch nach Hamburg! Und der Automat hat mir gesagt, dass es nur zwei Belege gibt. Wo zur Hölle ist dann mein Ticket? “Kein Problem, wir nehmen ihre Personalien auf” Tipper, Tipper.”Hier steht ein erhöhtes Beförerungsentgelt von 228 EUR.” 228 EUR? Bitte was? Und wo ist mein Ticket? “Kümmern sie sich nicht darum, man überprüft, ob das Bahntix abgeholt wurde und dann passiert da nix” Jaaaa, und wo ist mein Ticket? “Da fährt dann wohl gerade ein anderer mit nach Hamburg”. Vier Wochen später kam die erste Mahnung: 228 EUR + 7 EUR Bearbeitungsgebühr. Und wo bitte ist mein Ticket?

Kalt und Fettig
“Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kinder. In Göttingen ist unser mobiler Eisverkäufer zugestiegen”. Wow - der mobile Eisverkäufer im Gegensatz zum festinstallierten Eisverkäufer, der ja gar nicht zusteigen kann. “Lecker Eis, will jemand Eis?” hör ich die zart dahinschmelzende Stimme (hätte ein Magnum Double-Chocolate eine Stimme, so würde sie wohl klingen) während ich noch über den Sinn und Unsinn des Wortes “Mobil” in diesem Zusammenhang nachdenke. “Mamaichwilleinmagnum” hör ich´s quäksen. “Magnum ham wir leider nicht, gibt nur Schöller”. “Ich will aber´n Magnum”. Du kriegst gleich ´ne Magnum an den Kopf, wenn du nicht ruhig bist, du kleiner verzogener Nerventod. Oder ein Ed-Van-Schleck rektal (´ne Magnum hab ich ja gar nicht). Denke ich mir so. “Von Schöller gibt´s das Macao - das ist wie das Magnum”. “So ein´s nehmen wir oder Robin?”. War ja klar: Robin. Nein, Macao will der kleine Robin offensichtlich nicht, aber zu spät - die Mama hat´s schon gekauft. Fünf geschlagene Minuten geht daraufhin die Diskussion über Magnum, Macao und sei-doch-nicht-so. Dann, dann endlich bequemt sich der kleine Robin (13 wird er wohl sein) und begibt sich auf die Macao-Ebene herab. Packt das Eis aus, welches - als wäre es beleidigt - sich umgehend von seinem Stiel trennt und über den Pullover verteilt. Zeter und Geschrei. Die Welt ist gut, denke ich mir, setze mir meine Ohrhörer ins Ohr und nehme noch ein Eiskonfekt.

Bahn und Logik
Folgende Werbung für den Bistroservice (”Wir haben in unserem Bordbistro den Tisch reich für sie gedeckt”) fand ich an meinem Platz. Finde die zwei (!) inhaltlichen Fehler…!

blog_bahn.jpg

P.s.: Dieser Post entstand übrigens während einer Zugfahrt. Wann auch sonst?

2 Responses to “Endstation Deutsche Bahn” »»

  1. Comment by Arne | 08/23/07 at 9:29 pm

    “…während einer Zugfahrt.” Gut, dann bin ich beruhigt, wollte angesichts des unterhaltsamen aber eben sehr langen Eintrags schon fragen, ob Du denn sonst kein Leben neben Deinem Blog hast oder Dein Chef Dich rausgeschmissen hat. ;-)

    Wie ging denn die Sache mit dem verschwundenen Ticket aus? Konntest Du der Bahn das erhöhte Beförderungsentgelt ausreden?

    Apropos “wie ging’s aus”. Wieviel finanzieller Schaden ist Dir aus der Frage “Und wo ist bitte meine Kreditkarte?” letzenendes eigentlich entstanden?

  2. Comment by Joachim | 08/23/07 at 11:02 pm

    Das Kreditkartenproblem ist nochmal glimpflich ausgegangen: Alles von der Versicherung übernommen. Die Geschichte mit dem Bahnticket ist noch “pending” - ich hoffe ebenfalls auf positiven Ausgang ;)

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